Heidnische Schweiz

Foto: Horn

Das Weltbild der Bauern zwischen Schwarzwald und Alpen war geprägt vom Leben mit einer kargen und gefährlichen Natur. Lawinen und Felsstürze bedrohten Mensch und Vieh, viele Höfe waren von weiten Wildnisgebieten umgeben. Dort, in den Bergen, Sümpfen und Wäldern, waren unheimliche Mächte am Werk. Trollhafte, behaarte und bärenstarke Gestalten, unberechenbare, zauberkundige Weiber, die Seelen der Verstorbenen, die im tiefen Winter bis zu den Behausungen der Lebenden vordringen konnten. In diese Gebiete wagten sich nur ein paar Wilderer, Schmuggler und Ausgestossene – Menschen, die den Bauern selbst oft selber fremd und gefährlich vorkamen.

Die Welt als Bauernhof

Bauernhof

An diese Welt der Riesen grenzten die Sommerweiden, die für ein paar Monate den Menschen und ihrem Vieh, danach aber wieder den Geistern gehörte. Um die Höfe herum lagen Wiesen und Äcker. Dies war das Reich der Menschen, eine vertraute Landschaft, in der die Bauern das Wirken ihrer Ahnen täglich vor Augen hatten. Im Zentrum dieser Bauernwelt befand sich die kleine Siedlung mit der Dorflinde, unter der man Versammlungen abhielt.

Diese Sicht der Welt findet sich auch in den mit dem alemannischen Heidentum eng verwandten nordischen Mythen, die vor rund tausend Jahren in Island aufgezeichnet wurden: Hier wohnen die Götter auf stattlichen Höfen und versammeln sich zu einer Landsgemeinde am Fuss des Weltenbaumes, der den Himmel trägt und an dessen Fuss die Quelle des Schicksals, des Lebens und der Weisheit sprudelt, aus der die Norni das Schicksal der Götter und Menschen bestimmen - so wie bei den Menschen drei Feen den Neugeborenen ihre unabänderlichen Sprüche mit auf den Lebensweg geben. Um dieses göttliche Dorf herum liegen die Felder der Menschen, weit draussen, hinter Wäldern und Bergen, hausen die Riesen. Immer wieder dringen sie in Midgard, dem “Garten der Mitte” ein, verwüsten das bebaute Land und müssen von den Göttern im Kampf zurückgedrängt werden.

Recht und Brauch

Dieser Ringen mit der Wildnis erlebte der Bauer in seinem eigenen Leben: Jahr für Jahr mussten die kostbaren Wiesen vom Schutt der Lawinen und Hochwasser geräumt werden. Das Wissen, wie man sich in dieser rauhen Natur behaupten konnte, wurde von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Diese Traditionen waren heilig. Nicht umsonst nannten die letzten germanischen Heiden, die alten Skandinavier, ihre ganze Religion schlicht „forn sidhr“ - den alten Brauch.

Wer nicht tat, wie es Recht und Brauch war, konnte plötzlich von schweren Katastrophen heimgesucht werden. Unzählige Sagen erzählen von einem goldenen Zeitalter, in dem selbst im Hochgebirge saftige Weiden wuchsen und die Kühe mehr Milch gaben, bis ein übermütiger Bauer mit den althergebrachten Regeln brach und Fels und Eismassen seine Blüemlisalp unter sich begruben. Auch dieses Motiv findet sich in heidnischen Mythen des Nordens: Dort sind es die Götter selbst, die mit ihrem Fehlverhalten das goldene Zeitalter beenden und einen endlosen Winter heraufbeschwören, in dem alles Leben erstarrt.

Der Grund des Unheils liegt darin, dass mit dem Brechen des Alten Brauchs das Gleichgewicht der Welt ins Wanken gebracht worden ist. Denn dieses ist nicht die Schöpfung eines allmächtigen Gottes, sondern entsteht aus einem hin- und herwogenden Kampf zwischen feindlichen Kräften – Leben und Tod, Licht und Dunkel, Feuer und Eis. Gut und Böse spielen in diesem ewigen Ringen keine Rolle. Der Widerstreit der verschiedenen Mächte hat etwas Schicksalshaftes. Eines führt eben zum anderen, es kommt, wie es kommen muss, und dem Menschen bleibt, zu tun, was zu tun ist. Und das am besten gleich richtig.

Denn das ganze Denken des germanischen Bauern kreist um seinen Hof, das Erbe, welches ihm von den verehrten Ahnen gegeben ist und welches er seinen Kindern schuldet. So ist der Einzelne ein Glied in einer langen Kette, die von den mythischen Urahnen bis zum kleinen Kind in der Wiege reicht, das Land und Hof dereinst seinen Nachkommen weiterreichen wird. Man muss die Verantwortung über seinen Hof übernehmen können und darf sich diese nicht abnehmen lassen – eine Rolle, die zugleich eine schwere Verpflichtung ist, aber auch den ganzen Stolz des Menschen ausmacht.

Macht und Mögen

Diese Vorstellung beschränkt sich nicht auf Land und Vieh, sondern umfasst überhaupt alles, was einem Menschen geworden ist: So hiess das Schicksal im Althochdeutschen „Wurt“ - das, was geworden ist. Alles was der Mensch hat und ist, wurde ihm gegeben. Seine Aufgabe ist es nicht, dieses Los nicht zu erdulden, sondern es kraftvoll und auf eigene Verantwortung zu leben. Diese Vorstellung findet sich auch im alten Norden, wo viele Menschen nicht den Göttern huldigten, sondern auf „mátt sinn ok megin“ vertrauten. Dieses Megin ist nichts anderes als das „Ver-Mögen“ im ursprünglichen Wortsinne, wie er auch heute in den alemannischen Dialekten verstanden wird: Das, was einer zu tun vermag, mag tue, die Menge an Möglichkeiten und Lebenskraft, die ihm geworden ist. Sein Wert bemisst sich dabei nicht daran, wieviel er „vermag“ - sondern ob er das, was er mag tue, auch tatsächlich tut. Wieviel er aus dem macht, das ihm gegeben ist.

Grünes Tal

Trotz und Freiheit

Diese uralten Vorstellungen haben die traditionellen Werte der alemannischen Bauern weit über die Christianisierung hinaus geprägt. Der unbändige Freiheitsdrang, der an Eigenbrödelei grenzende Trotz des Bergbauern, der an seinem „Eigen“ festhält, was immer da kommen möge, der Anspruch, „nie niemanden zu Fragen“, aber auch der Respekt vor dem hart arbeitenden „armen Puurli“ und das Misstrauen gegen alle, die zwar Macht und Reichtum haben, aber „nichts Rechtes“ daraus machen, hat die Schweiz tief geprägt - und sind bis heute nicht verschwunden.