Heidnische Schweiz

Foto: Kaufmann

Noch heute glauben viele Alpenbewohner fest an die Existenz des Nachtvolks, der Zwerge und der geheimnisvollen wilden Weiber, die schon manchem Jungesellen zum Verhängnis wurden.

Die Zwerge

Viele von ihnen handelten von den Zwergen oder Wildmanndli, die in den Bergen leben. Sie hatten den Menschen einst gelehrt, wie man Käse herstellt, und die Gemsen sind ihre Ziegen, die sie liebevoll pflegen und aus deren Milch sie ihren Zauberkäse herstellen, der nie zur Neige geht. Wie die berühmten isländischen Elben sind sie freundlich zu den Menschen und helfen den Armen. Mancherorts bedankte man sich dafür mit einem süssen Getreidebrei, der zur Fasnacht unter den Ofen gestellt wurde.

Doch die Gutmütigkeit der Wilden kann nur allzuschnell in blinden Zorn umschlagen: Überall in den Alpen gibt es Geschichten von rücksichtslosen Jugendlichen, welche die Zwerge verspotteten, ihre Bäume schlugen oder ihre heiligen Plätze zerstörten. Damit verscherzte man es sich mit den Wilden: Sie zogen unter Verwünschungen fort und verschwanden für immer in den Bergen. Seither sieht man sie nicht mehr. Da sind sie aber immer noch: „Es gääbi geng nu Zwäärga, aber si lään si nimme firha“, berichtete ein Haslitaler Bauer dem Sagensammler Melchior Sooder.

Das Nachtvolk

Viele Sagen erzählen vom gespenstischen Heer der Toten, dem Nachtvolch oder dem Gratzug. In der Innerschweiz war der gespenstische Zug als Wuotisheer, das Heer Wuodans, bekannt. Die Geister leben hoch oben in den Bergen in den Gletschern und besuchen die Lebenden um Allerseelen oder während der Heiligen Nacht. Sie sind den Menschen wohlgesonnen, können ihnen aber auch gefährlich werden. In ihrem Heer ziehen alle, die keines friedlichen Todes starben: Erschlagene Krieger, Verschollene, aber auch Selbstmörder und Verbrecher. Mancherorts sah man in ihm auch den Zug des Friesenvolchs, jener heidnischen Vorväter, die der Sage nach einst aus dem hohen Norden bis an die Alpen gezogen waren. In den altertümlichen Dialekten der Walser und Haslitaler nennt man diese unheimlichen Gestalten - ebenso wie die maskierten Treichler - Bôtzen. Das Wort stammt noch aus heidnischen Zeiten: Bei den Langobarden war der Walapauz ein in der Schlacht Gefallener, der als Gespenst umhergeht, und zugleich ein Maskierter, der im Schutze der Dunkelheit Überfälle begeht.

Niflheim

Das Nachtvolch war denn auch eng mit den furchterregenden maskierten Horden verbunden, die zur Mittwinterszeit durch die Dörfer zogen. In ihrer heiligen Wut wurden die jungen Maskierten eins mit dem dem gespenstischen Heer ihrer erschlagenen Vorfahren, die in der Schlacht mit ihnen für den Fortbestand ihrer Sippen kämpften - so wie die Einherjer, die Erschlagenen der nordischen Sagen, am Ende der Welt mit Odin gegen die Feinde der Götter und Menschen antreten.

Weisse Frauen, Wilde Weiber

Viele Berge, unter ihnen die berühmte Jungfrau, sind nach weissen, jungfräulichen Frauen benannt, die dort oben in Fels und Eis leben. Sie sind Herrinnen der Wildnis. Manche von ihnen leben in dunklen Bergwäldern, andere hausen in Felsen und Höhlen. Manchmal begegnen sie jungen Hirten und versprechen ihnen Liebe, Gold und Reichtümer. Doch die Wilden Frauen sind gefährlich – bisweilen zermalmen sie ihre menschlichen Liebhaber, und wenn sie nahe bei den Dörfern gesehen werden, folgen Erdrutsche, Murgänge und Lawinen. Andere zeigen sich als wunderschöne weisse Frauen, die in Seen, Flüssen und Quellen leben, oder als junge Mädchen, die - wie die nordischen Walküren - nackt durch den Wind reiten und Hagel und Sturm über das Land bringen.

Berghuette

In die Wildnis gehören auch trollhafte, riesige Kreaturen, welche die Menschen mit Steinschlag und Lawinen bedrohen. So wohnt im Aletschgletscher der Rollibock, ein riesiger, mit Eisschollen behangener Ziegenbock, der von Zeit zu Zeit durch das Tal fährt und mit einer Gletscherflut Tod und Zerstörung bringt. Die katholische Überlieferung sieht in diesen Hoorenochten den Teufel. Doch der gehörnte und geschwänzte, etwas dümmliche Bergbewohner, der riesige Felsbrocken auf die Dörfer wirft, erinnert in vielem mehr an einen norwegischen Troll als an den listenreichen Satan der Bibel.

Daneben bevölkern viele andere gespenstische Wesen die Landschaften der Alemannen, etwa der Hakenmann, der unachtsame Kinder in seine Strudel zieht, oder der riesenhafte, mit glühenden Augen versehene Welthund, der des Nachts durch Moore und Tobel streift.

Mütter und Mareien

Doch nicht alle Wesen unserer Sagenwelt sind so unheimlich. Wo sich der Mensch von den Unbilden einer magischen Welt bedrängt sah, suchte er Hilfe - oft bei gütigen, weiblichen Wesen. Als Marien sind diese in den katholischen Landesteilen bis heute wichtig. Oft werden drei Heilige Frauen verehrt, wobei sich die Namen von Region zu Region unterscheiden. Sie helfen Müttern und Kinder und erhalten bei Krankheiten und Kriegen Bittgaben wie Haarzöpfe, Kerzen oder kostbare Stoffe. Zu diesen Sagen gehören auch die in ganz Europa verbreiteten Geschichten von den drei Feen, welche bei der Geburt eines Neugeborenen dessen Schicksal bestimmen.

Diese Tradition gehört zu den ältesten unserer Kultur: Schon zu römischer Zeit errichteten die germanischen Stämme Altäre zu Ehren der „Matrones“, Heiligen Frauen, die als Schutzgottheiten eines Stammes oder einer Familie verehrt wurden. In vorchristlicher Zeit hiessen sie in der alemannischen Sprache Itisun, ein Name der sich in den altnordischen Dísir wiederfindet: Auch diese erscheinen bei der Geburt der Kinder und schaffen dabei deren Schicksal.

Eine verzauberte Welt

All diese Sagen zeugen vom heidnischen Glauben an eine verzauberte, belebte Natur, mit deren geheimnisvollen Bewohnern sich der Mensch zu arrangieren hat, um schrecklichen Katastrophen zu entgehen.