Heidnische Schweiz

Foto: Brodbeck

Für die alemannischen Heiden waren die Götter Kräfte, die sie in der Natur erleben konnten - im Wind, in Hagelstürmen, aber auch im weiten, lichten Himmel und dem Hervorbrechen des ersten Grüns im Frühling. Sie nannten diese Wesen Ensî - ein Wort, das ursprünglich die Dauben eines Fasses bezeichnete: Die Götter waren jene, die die Welt zusammenhielten.

Wuodan

Rabe

Wuodan ist der wichtigste alemannische Gott. Er ist ein mächtiger Heiler und Zauberer und haucht den Dichtern die Inspiration für ihre heiligen Lieder, ist aber auch der gefürchtete Führer des Totenheers. Von den Alemannen wurde er mit ekstatischen Bieropfern verehrt. Seine Heilige Wut beflügelte die Krieger in der Schlacht und während der Mittwinterfeste, wenn sie mit russgeschwärzten Gesichtern und in Tierfellen gehüllt durch die Winternächte stürmten und die mystische Einheit mit dem Heer der erschlagenen Ahnen feierten. Ein Hauch von diesem heiligen Furor liegt noch heute über den archaischen Mittwinterfesten in den Alpen.

Zîu

Im Gegensatz zum düsteren, von Wölfen und Raben begleiteten Wuodan ist Zîu der Gott des hellen Taghimmels. Er ist ein heroischer, ehrenhafter und strenger Gott und wurde in heidnischen Zeiten bei Zweikämpfen und Eiden angerufen. Er galt als Mars Thingsus, als Patron des Things, der heidnischen Landsgemeinde, an der unter freiem Himmel Recht gesprochen und Anführer gewählt wurden.

Donar

Wie der nordische Tor und der gallische Taranis ist Donar der alemannische Gott des Donners. Er ist ein Beschützer der Bauern und ihrer Herden und galt als tapferer Krieger, der gegen die Riesen zu Felde zog, die das Land der Bauern bedrohten. Viele Alemannen trugen römische Amulette in Form der Keule des Herkules und sahen darin ein Symbol für die magische Waffe des Donnerers. Im Norden wurde aus diesen Keulen-Amuletten im Laufe der Jahrhunderte der Thorshammer, der während der Christianisierung Skandinaviens zum Symbol des alten Heidentums wurde.

Voll und Volla

Daneben gab es auch Mächte des Wohlstands, der Gesundheit und der Fruchtbarkeit. Im Althochdeutschen sind die Namen Voll (Phol) und Volla überliefert, welche wohl dem nordischen Geschwisterpaar Freyr und Freya entsprechen. Alte indogermanische Mythen erzählen von einer heiligen Hochzeit zwischen den zwei Söhnen des Himmelsgottes und ihrer Schwester, der ebenso erotischen wie kriegerischen Göttin des Morgenrotes. Diese Heilige Hochzeit war Gegenstand mächtiger Feste - die Alemannen benannten gar ihr Frühlingsfest nach der Göttin des Morgenrots: Ostara. Im Volksglauben lebt die Erinnerung an diese Mächte des Reichtums und der Erotik fort: So wird etwa von der Pfaffenkellerin erzählt, einer sündhaften und lüsternen Frau, welche nackt auf einem Eber durch die Wälder reitet oder den Menschen als riesige Muttersau mit einer reihe Ferkel begegnet: Im alten Norden hatte Freya den Beinamen „Sau“ und ritt auf einem goldenen Eber.

Auch der Wilde Mann, der Anfangs Sommer in die Dörfer einfällt und die Jungfrauen mit Wasser bespritzen, erinnert an das alte Fest der Heiligen Hochzeit: Noch im frühen Mittelalter wurde in Schweden eine mit einem riesigen Phallus versehene Statue des Freyr durch die Dörfer geführt, wo sie von den Frauen mit wollüstigen Handlungen begrüsst wurde.

Frîja

Die höchste alemannische Göttin ist Frîja. Sie die Gattin Wuodans und die Beschützerin der Ehe. Ihr Sohn Balder, um dessen tragischenTod sich verschiedene nordische Mythen ranken, war auch den Alemannen bekannt. Eine Erinnerung an die alte Göttin findet sich auch in den Oberländer Sagen von der Guoten Frouw Uote - der guten Frau Wuodan - welche allen Paaren, die sie zusammenführt, ewige Liebe schenkt.

Wahrscheinlich verehrten viele Alemannen daneben auch Götter, die sie in römischen Kriegsdiensten oder über ihre gallorömischen Nachbarn kennengelernt hatten - ihre Spuren haben sich zumeist verloren. Anstelle des vielgestaltigen Götterhimmels der Alemannen traten nach der Christianisierung die katholischen Heiligen, in deren Legenden und Kulten viele heidnische Vorstellungen in einem neuen Gewand wiederauflebten.

Pluoz und Chuofa

See

Verehrt wurden die heidnischen Götter unter freiem Himmel: Die Alemannen feierten ihre heiligen Feste auf Hügeln, an Quellen und Wasserfällen. Bei einem solchen Pluoz wurden ihnen zu Ehren Tiere geschlachtet. Eine grosse Rolle spielte auch das Bier: Man versammelte sich um eine grosse Chuofa (Kufe) voller Bier, um den Göttern zu opfern und ihnen zuzutrinken. Auf Opfer und Festmahl folgte das rituelle Trinken, bei dem das Horn auf die Götter, die Ahnen und die eigenen Heldentaten gehoben wurde - ein Brauch, der in manchen Zünften und Bruderschaften auch in christlicher Zeit fortlebte.

Viele Riten und Mythen der heidnischen Alemannen werden für immer im Dunkeln verborgen bleiben. Doch die sorgfältige Beschäftigung mit den vorhandenen Quellen erlaubt uns doch, uns ein Bild des alten Alemannischen Heidentums zu machen. Und so versammeln sich heute, über 1000 Jahre nachdem die Missionare die letzten heidnischen Opfer miterlebt haben, wieder Menschen um ein Kufe mit selbstgebrautem Bier, um auf windigen Felskuppen die lange vergessenen Götter ihrer Vorfahren zu ehren.